Status Quo 2018

Die Frage nach der Relevanz von Bitcoin wird immer wieder aufgeworfen. Ist Bitcoin “outdated”? Spielt Bitcoin in der Zukunft keine Rolle mehr, da sich die Blockchain Technologie weiterentwickelt hat und andere Blockchains schneller, effizienter und für diverse Zwecke besser geeignet sind?

Die kurze Antwort ist: nein! Bitcoin ist der Platzhirsch in der Blockchain Hierarchie und wird den Platz an der Sonnen so bald auch nicht abgeben. Und dies ist zuerst einmal dem First-Mover-Advantage geschuldet, der nur sehr schwer einzuholen ist. Wäre dies aber der einzige Vorteil Bitcoins, wäre der Platz an der Sonne aber nicht zu halten. Bitcoin besteht aus Open Source Technologie, was bedeutet, dass der geschriebene Code einsehbar ist. Demnach wäre es und ist es leicht die Codebasis zu kopieren, einen eigenen Coin auf der bestehenden Basis zu erschaffen und die Variablen nach den eigenen Wünschen anzupassen. 

Warum ist dies dann keine einfache Erfolgsformel? Viele bestehende Coins sind Kopien einer alten Version von Bitcoin. Zum Teil wurden sie umbenannt (zB Viacoin, Litecoin), in mancher Weise verändert, zum Teil wurde ihnen ein Zusatz angehängt (Bitcoin Cash, Bitcoin Gold).

Bitcoin zu kopieren ist aber nur in so weit effektiv, wie man in der Lage ist, die Evolution selbst voran zu treiben, den First-Mover-Advantage schnell einzuholen, um dann selbst mit neuen Ideen Veränderungen am Code hervorzubringen. Und genau daran scheitert diese Idee zumeist. Bitcoin und Ethereum haben eine große Anzahl an richtig guten und erfahrenen Software Entwicklern im Blockchain Bereich, in welchem diese dringend gesucht werden (auf einen Entwickler entfallen zehn Jobangebote). Die Bitcoin-Gemeinschaft bringt reihenweise neue Ideen hervor, welche großflächig diskutiert, in kleineren Projekten umgesetzt und getestet, um dann implementiert zu werden.

Um zu verstehen was das bedeutet muss man sich vergegenwärtigen, dass die Blockchain Technologie am Anfang einer langen Evolution steht, in der noch nicht vollkommen klar ist wie notwendige Skalierungen erzielt werden können. Im Moment besteht ein sogenanntes Trilemmain welchem Dezentralisation, Sicherheit und Skalierbarkeit der Blockchain miteinander konkurieren. Oftmals wird bei Bitcoin zB die lange Blockzeit von 10 Minuten kritisiert oder die niedrige Anzahl an Transaktionen pro Sekunde (tx/s), welche weit entfernt von Größen wie Paypal oder Visa ist. Und natürlich gibt es auch schon heute verschiedene Lösungen, die eine höhere Durchsatzrate haben, eine sehr viel geringere Blockzeit oder, was sehr viel seltener öffentlich proklamiert wird, die die Sicherheit der Skalierbarkeit geopfert haben. Eine hohe Anzahl von tx/s ist bereits heute erreichbar. Zentrale Netzwerke wie Paypal stehen als Beweis hierzu. Nachteile dieser zentralen Plattformen treten jedoch immer deutlicher in der Vordergrund. Länder wie der Iran werden per Knopfdruck einfach aus dem System genommen. Organisationen wie Wikipedia haben ohne juristisches Verfahren über Nacht keinen Zugriff mehr auf ihre Konten. Hacks auf Plattformen, in denen in letzter Zeit Kreditkarten- und oder Nutzerdaten gestohlen wurden: Equifax (145 Mio. Konten), Facebook (120 Mio. Konten), Marriotts (500 Mio. Konten), Uber, British Ariways… Die Liste ließe sich noch endlos weiterführen. Es ist keine Frage, welche zentralen Datencenter gehackt werden, sondern wann diese betroffen sind. 

Das große Versprechen der Blockchain Technologie ist langfristig die dezentrale Natur eines globalen Finanzsystem zuerst, und eines vollständig dezentralen Internets anschließend, mit all seinen bereits heute bestehenden, aufgesetzten Applikationen. Die Sicherheit, die Bitcoin heute bereits bietet, kann von keinem bestehenden System garantiert werden. Die Kunst wird es sein, Blockchains zu skalieren, ohne ihre Dezentralität zu kompromittieren. Hier kommen die bisher klarsten Lösungsansätze aus den Gruppen um Bitcoin und Ethereum.

Auch der Streit, der Mitte 2017 die Lager in Bitcoin (BTC) und Bitcoin Cash (BCH) spaltete, bezog sich in erster Linie auf die Skalierung von Bitcoin. Die Software Entwickler von Blockstream beharrten auf der bestehenden Blockgröße von 1MB um die Dezentralität nicht zu gefährden. Der auf Dauer ausgelegte Plan beinhaltete mehrere Ebenen anstelle die von der Bitcoin Cash proklamierten Lösung, die Blockgröße zu erweitern. Und hierbei findet sich auch ein deutlicher Unterschied zu vielen anderen Lösungsansätzen. Bitcoin und Ethereum arbeiten an ihrer Basis-Ebene (layer 1 bzw. layer 0), die das Basisprotokoll stellen wird, auf dem weitere Ebenen aufgesetzt werden. Dieses Protokoll soll extrem robust sein und muss, laut den Entwicklern, nicht skalieren.

Man stelle sich ein Computersystem vor, welches auf einem rudimentären BIOS ein Betriebssystem aufsetzt, welches wiederum um verschiedene Applikationen (zB Windows Word, Excel etc) erweitert werden kann. Das BIOS kommt sehr einfach daher, während dem Betriebssystem sehr viel Speicherplatz und Arbeitsspeicher zur Verfügung gestellt werden. Man könnte hier also vereinfacht von einem drei Ebenen System sprechen. 

Die neu entstandenen zweite Ebenen Lösungen – Lightning Network und Liquid Network  zeigen die Möglichkeiten eines solchen Zwiebelsystems auf. Nik Bathia beschreibt die Implikationen von Lightning Network und zieht einen Vergleich zu unserem Gold-System. 

Während Lightning auf Mikro-Transaktionen ausgelegt ist, soll Liquid große Transaktionen vereinfachen.

Bitcoin Cashs abweichender Philosophie, die Basisebene durch vergrößerte Blöcke zu skalieren, setzen die Core-Entwickler von Blockstream dagegen auf ein Zwiebelsystem mit einer sehr robusten und rudimentären Ebene 1 auf der wiederum weiteren Ebenen aufsetzen werden, die schlussendlich die Skalierbarkeit von Bitcoin bedeuten sollen.

Das Lightning Network allein bedeutet einen Quantensprung und diverse Firmen arbeiten schon lange an vereinfachenden Lösungen um dieses für die Nutzer anwendbar zu machen. Hieran kann man auch den Netzwerkeffekt erkennen, der Bitcoin ein Alleinstellungsmerkmal verleiht. Während der Basiscode hauptsächlich von Blockstream veröffentlicht wird, werden Applikationen von einer Reihe unterschiedlicher Personen und Firmen erstellt.  Andreas Antonopoulos hat in seinem Video Exponential Innovation die Vorteile einer solchen Open Source Gemeinschaft herausgestellt.

In dieser Gemeinschaft wurden über die Jahre hinweg auch diverse andere Lösungsansätze diskutiert und getestet. Einige dieser verworfenen Lösungsansätze werden heute von anderen Projekten als Skalierungsansatz verarbeitet. Allerdings hat es seine Gründe, warum diese Lösungen nicht den Weg in den Bitcoin Code gefunden haben – das Trilemma.

Es ist leicht der oberflächlichen Meinung zu verfallen, Bitcoin sei “alte Technologie” und Blockchain Lösungen der sogenannten “zweiten” und “dritten” Generation haben Bitcoin abgehängt. Allerdings verhält es sich umgekehrt – Bitcoin setzt den Standard.

Grundsätzlich kann man aber auch nicht alle Blockchain Lösungen über einen Kamm scheren. Bitcoin ist zu allererst eine Blockchain für finanzielle Instrumente, während Ethereum durch seine Smart Contract Plattform vollkommen andere Möglichkeiten bietet. Diese beiden Plattformen stehen demnach nicht in Konkurrenz zueinander, sondern komplementieren sich, wie Andreas Antonopoulos in seinem Video The Lion and the Shark aufzeigt.

Eine etwas detaillierte Ansicht des Lightning Networks.